Wir stillen...

Wir stillen...

Er ist ein Jahr alt. Wenn er sich hinstellt, könnte man meinen, er sei Zwei. Ein stattliches Kerlchen. Agil und interessiert. Alles wird entdeckt, auf den Kopf gestellt, geschüttelt und gedreht. Es gibt nix, aber auch gar nix, dass ihn nicht interessiert. Gerne strömt er in der Wohnung aus und ist dann eine ganze Zeit lang nicht mehr zu sehen. Er traut sich was, er entfernt sich, wird auf seine Weise selbstständig.

 Er stillt. Es ist das Größte für ihn.

Was aus ihm geworden ist, in einem Jahr. Er kam doch so klein und zart zu Welt, fast vier Wochen vor dem errechneten Termin. Meine Hebamme sagte mir, dass er besondere Nestwärme, das Kuscheln auf nackter Haut und ganz viel Stillen benötige. Intuitiv merkte und wusste ich das. So verbrachten wir Stunden Haut an Haut im Bett, kuschelten und stillten wochenlang fast ununterbrochen. Nicht nur Hanno, auch ich brauchte das. Das Bonding war mir ein so bewusster Prozess. Ich hatte Zeit, konnte mich komplett auf uns konzentrieren, mich treiben lassen in diesem Schaumbad der Gefühle. Und nein, es war nicht alles rosarot. Ich versorgte Hanno und mich die ersten Wochen fast ausschließlich alleine. Der berufliche Zeitplan erforderte das. Schnell war das Stillen ein Ritual, das unkompliziert in unseren Alltag integriert war. Ich hatte tatsächlich kein einziges Problem. Keinen schmerzhaften Milcheinschuss, keine wunde Haut, keine Brustentzündung. Nichts.

Als um uns herum schon kräftig Gläschen und Weichgekochtes verputzt wurde, stillte Hanno noch voll. Da war er sechs Monate. Während der Schwangerschaft dachte ich immer, zu diesem Zeitpunkt etwa abzustillen. Ich stellte mir das Stillen im Vorfeld sehr anstrengend vor - nach einem  halben Jahr sei sicherlich ein guter Zeitpunkt, das Kind von der Brust zu kriegen. So dachte ich. Ich genoss das Stillen, die Nähe, die Freude, die Hanno hatte, wenn er stillte. Die magische Grenze des Abstillen rückte immer weiter nach Hinten. Weihnachten, spätestens Weihnachten, da würde er neun Monate sein, da würde ich abstillen. Ein Glas Wein genießen, wieder was freier sein. So, so. Weihnachen waren wir immer noch bei vollstillen. Abgesehen von einem Scheibchen Banane und ein bis drei Löffelchen Brei, die er unregelmäßig zu sich nahm, obwohl er zu jeder unserer Mahlzeiten etwas zum Essen angeboten bekommen hat. Zeitweise war ich gestresst deswegen, schließlich würde ich, wenn er ein Jahr alt ist, wieder arbeiten.

Hanno ist jetzt zwölfeinhalb Monate, ich arbeite und stillt immer noch. Und das ist gut so. Alles läuft nach Plan. Er stillt nicht, weil ich ihn nicht abgestillt bekomme. Er stillt, weil er es liebt, weil ich es liebe. Es ist unsere Quality Time. Ein schönes Ritual.

Nebenbei ist es natürlich ein Immunbooster. Die Konzentration an bestimmten Antikörpern ist im zweiten Lebensjahr ähnlich hoch, wie im Kollustrum.

Warum also sollten wir das Stillen beenden. Es tut gut, lief immer problemlos. 

Wie lange wir das noch wollen? Ich weiß es nicht, wir lassen es auf uns zukommen, so wie wir es bis jetzt auch gemacht haben. 

 

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